Ethik des Eigentums

Friedhelm Hengsbach SJ (* 15. Juli 1937 in Dortmund) ist ein deutscher Ökonom, Jesuit und Sozialethiker und gehört dem wissenschaftlichen Beirat von Attac an.

In einem Interview mit der Faust-Kulturstiftung hat er unter anderem folgendes gesagt:

 

Sahra Wagenknecht, die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Linkspartei im Bundestag, beschreibt immer wieder die schiefe Einkommensverteilung, von der gerade auch die Banken profitieren. Denn je schiefer die Einkommens- und Vermögensverteilung ist, umso stärker ist die Nachfrage nach entsprechenden Kapitalanlagen bei Banken und Versicherungen. Hinter dieser Beobachtung steht natürlich die Frage: Wem gehört eigentlich das Einkommen, dass einer verdient? Folgt man dem bürgerlichen Verständnis einer freien Marktwirtschaft, hat der Eigentümer das ausschließliche Recht, die Güter, die ihm gehören, nach eigenem Belieben zu nutzen. Von seinem Einkommen will man möglichst wenig Steuern zahlen. Denn Steuern werden als ein Eingriff in das private Eigentum angesehen. Dieses bürgerliche Eigentumsverständnis bezieht sich jedoch zuerst auf Gebrauchsgüter wie Kleidung, Wohnung und Auto, es ist nicht vergleichbar mit dem Eigentum an Kapital oder Produktionsmitteln.

 

Wie ist Eigentum zu bewerten?

Zu berücksichtigen sind alle Ressourcen, die an der Wertschöpfung, an dem bewerteten Produktionsergebnis beteiligt sind, dies sind – etwas vereinfacht dargestellt – das Arbeitsvermögen, das Geldvermögen, das Naturvermögen und das Gesellschaftsvermögen. Letzteres umfasst all das, was an Vorleistungen aus der Gesellschaft heraus in das Unternehmen einfließt, um die Produktivität der unternehmerischen Tätigkeit zu erhöhen. Das Gesellschaftsvermögen schließt auch die unbezahlte Haus-, Familien- und Beziehungsarbeit ein, die immer noch überwiegend von Frauen geleistet wird. Der Wert dieser Arbeit taucht in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung nicht auf, ohne sie könnten das Produktionsergebnis und die Einkommen nicht erreicht werden, die am Ende zur Verfügung stehen. Ähnlich einzuordnen ist das Naturvermögen, es wurde lange Zeit zum Nulltarif in Anspruch genommen. Die vier Vermögensformen erwirtschaften das Produktionsergebnis gemeinsam. Folglich müsste dessen Verteilung anders geregelt werden, als es der Kapitalismus-Vorstellung von Klaus-Peter Müller entspricht. Demnach wäre das erstrangige Ziel der von ihm beaufsichtigten Aktiengesellschaft, das Geldvermögen der Eigentümer zu steigern. Die anderen drei Ressourcen werden in der betriebswirtschaftlichen Logik dieses Kapitalismus als Kostenfaktoren, nicht als Beitrag der unternehmerischen Wertschöpfung eingestuft. Kosten sind zu senken, um das Ziel des Unternehmens zu fördern. Das heißt also, man zahlt möglichst wenig Steuern, Löhne sollen sich moderat entwickeln, und das Naturvermögen soll möglichst am Rand des Nulltarifs genutzt werden. Das ist die kapitalistische Verteilungsregel. Sie setzt die Anhäufung des Kapitals an die erste Stelle.

 

Die Ausweitung des bürgerlichen Eigentumsbegriffs wurde in der breiten Gesellschaft bisher eher abgelehnt und als „linke Position“ stigmatisiert. Der Ruck, zu dem Roman Herzog einst die Gesellschaft aufgefordert hat, führte vor allem zu einseitigem Verzicht. Ist jetzt die Zeit reif für einen „Gegen-Ruck“, der umfassendere Verteilung dem einseitigen Verzicht entgegenstellt?

 

In den letzten dreißig Jahren stand das Individuum derart im Zentrum des Bewusstseins, dass die Gesellschaft in den Schatten rückte. So wurde das Ergebnis der eigenen Leistung, was die einzelnen können und geworden sind, ausschließlich ihnen selbst zugerechnet. Wie sehr Fähigkeiten und Energien des Einzelnen von seinem gesellschaftlichen Umfeld her bestimmt sind, wurde ausgeblendet. Aber niemand kann das, was er verdient, ausschließlich als sein Eigentum betrachten, immer fließen Vorleistungen und Ansprüche der anderen mit ein. In einem gemeinsamen Produktionsprozess lassen sich die Leistung der Reinigungskraft, der Sekretärin, des Vorstandsvorsitzenden oder des Bandarbeiters nicht auseinander dividieren. Man mag eine solche Frage zurückweisen, weil sie einen überzogenen Anspruch der Gesellschaft gegenüber dem Individuum anmeldet. Aber ist umgekehrt der Grundsatz der Chancengleichheit, der von marktradikalen Verfechtern wirtschaftlicher Freiheit vertreten wird, so weit davon entfernt? Wer nämlich davon überzeugt ist, dass jeder Einzelne, wenn er versucht, seinen Platz in der Gesellschaft zu finden, auf die eigene Leistung vertrauen sollte und nicht auf dem, was die Familie an Vermögen bereit stellt, müsste in letzter Konsequenz jede Erbschaft und jede Anhäufung von Vermögen, das sich über Generationen hinweg automatisch vermehrt, ablehnen.

zum vollständigen Artikel der Faust-Kultur-Stiftung

 

Ein Vortrag bei der Medienwerkstatt Linz zur Ethik des Eigentums ist hier zu sehen.