Kooperation als Quelle des Reichtums

Deutschlandfunk Essay und Diskurs vom 18.12.2016


Der Journalist und politische Schriftsteller Robert Misik erklärte das Finanzsystem in seinem letzten Buch zum "Kaputtalismus". Er plädiert für eine "Miteinander-Ökonomie". Im letzten Teil der Sendereihe "RE: Das Kapital" beschäftigt er sich ausgehend von Marx mit der Kooperation als Erfolgskonzept.

Von Robert Misik

Auszug:

Jeder Reichtum im Kapitalismus ist gesellschaftlich produziert, alle arbeiten hier kooperativ miteinander, weder dem Unternehmer noch dem Kapitalgeber kommt hier grundsätzlich eine privilegierte Funktion zu. Die Kapitalisten tragen etwas bei, aber nichts Außerordentlicheres als etwa der Schuldirektor, der die Schule organisiert, und der Lehrer, der die Schüler unterrichtet, und der Vorarbeiter, der die Lehrmädchen einschult und der Arbeiter, der die Maschine bedient, oder die Buchhalterin, die die Bücher führt, und die Putzfrau, die die Büros wischt. Es ist dieser gesellschaftliche Charakter, dieses kooperative Zusammenwirken, das Reichtümer schafft, das in seiner Komplexität, wie Marx bewundernd schreibt, beeindruckender ist als das Zusammenwirken tausender Arbeiter beim Bau der Pyramiden im alten Ägypten. Und der - unter Gerechtigkeitsaspekten - große Skandal dieser sozialen Ordnung besteht darin, dass der Unternehmer oder Kapitalbesitzer den größeren Teil der Reichtümer als seinen Privaten aneignet.

Aber für Marx ist die "private Aneignung" des gesellschaftlich Produzierten nicht nur ein Skandal der Ungerechtigkeit, sondern eben auch die Achillesferse des Kapitalismus: Aus verschiedensten Gründen wird diese private Aneignung die Weiterentwicklung der ökonomischen Wohlstandsmaschine behindern, wird der Kapitalismus vom Motor des Fortschritts zur Fessel desselben, weil er kreative Energien nicht mehr freisetzt, sondern sie einkerkert. Weil viele Kräfte, die in der Kooperation liegen, brach liegen bleiben: Man denke nur an den Wildwuchs an Patentrechten, die dazu führen, dass Unternehmen eine von anderen gemachte Entdeckung kaum weiter entwickeln, übernehmen oder mit anderen Entdeckungen zu einem Neuen kombinieren dürfen. Das hemmt den Fortschritt. Besonders wenn einmal marktbeherrschende Stellungen etabliert sind, werden Unternehmen versuchen, neue und effizientere Verfahren zu behindern und vom Markt zu kaufen, als sie zu entwickeln.

 Aber auch in den Unternehmen selbst wird der Eigensinn der Beschäftigten nur in engen Grenzen geduldet oder gar angespornt - bis dann (immer wenn die Umsatzzahlen sinken) McKinsey kommt - und alle Grauzonen und Freiräume ausmerzt und der scharfe Takt noch in die kleinsten Nebensächlichkeiten Einzug hält. Im Namen einer "Effizienzsteigerung", von der viel geredet wird, aber mit der es so ist wie mit dem Yeti: Man hört bisweilen von ihr, aber gesehen hat sie noch niemand.

"Gesellschaftliche Produktion und private Aneignung" - damit wird aber noch ein weiterer  Widerspruch bezeichnet: der zwischen dem kooperativen Arbeitsprozess und dem Kampf um Anteile an der gesellschaftlichen Produktion, also Konkurrenz auf dem Markt. Und diese Konkurrenz erzwingt immer rationellere Produktionsverfahren, immer engere Kooperation, immer höhere Produktivität.

Historisch führt das von der Manufaktur über die Fabrik in die Verbundproduktion, die Vernetzung  von Fabriken, Zulieferern, Energiesystemen. Begrifflich führt das von der Zerlegung komplexer handwerklicher Prozesse in Teilprozesse, und deren Maschinisierung und Re-Kombination in der Fließbandproduktion bis zum automatischen System. In ihm ist die Kooperation gewissermaßen in die Maschinerie gewandert - und die Arbeiter werden überflüssig. 

Dieser Schwelle nähern wir uns. 

 

Wie soll die Gesellschaft von morgen aussehen?
Angesichts dieser Symptome, die allesamt Indizien für einen chronischen Niedergang sind, tun wir gut daran, die Frage zu stellen, wie die Gesellschaft von Morgen gestaltet werden sollte, wenn die Krisenpropheten Recht haben.

Womöglich ist ja auch ein langsamer, sukzessiver Übergang vom kapitalistischen Wirtschaftssystem zu einer anderen Wirtschaftsordnung denkbar. Und, ja, vielleicht stecken wir schon in diesem Übergang. Das wäre natürlich die beste Möglichkeit. Indizien dafür gibt es.

So wie sich in den Fabriken schon immer Kooperation und Kommando ergänzen und ins Wort fallen, Antagonismus und Kooperation, so haben wir seit vielen Jahrzehnten in kapitalistischen Gesellschaften längst eine gemischte Wirtschaft, die grob gesprochen aus drei Sektoren besteht: den privatkapitalistischen Unternehmen, dem staatlichen Sektor und einen dritten Sektor, den wir als kooperativen Sektor beschreiben können. Dieser Sektor umfasst alles Mögliche: Große Genossenschaften, die beinahe wie große Unternehmen funktionieren, nur dass sie nicht profitorientiert arbeiten, Abwasser-Genossenschaften, Wohnbaugenossenschaften, kleinteilige Hausprojekte oder auch Start-ups, bei denen junge Leute sich zusammen tun, mit Gleichgesinnten eine Firma gründen, und sich vielleicht mit anderen Firmen zusammen tun, um bestimmte Kosten gemeinsam zu tragen. Freelancer, die sich mit anderen Freelancern vernetzen und gemeinsam agieren, Hilfsorganisationen, hinzu kommt der gesamte Bereich der solidarischen Ökonomie. Ein ganzes fluides Netz an Miteinander-Ökonomien, deren Ausformungen ganz unterschiedlich sein können, aber die weder wirklich zum privatkapitalistischen Kommerzsektor noch zum staatlichen Sektor zählen. Ökonomie, jenseits von Staat und Markt.

Orthodoxe Marxisten würden all das als Tropfen auf dem heißen Stein charakterisieren, als Inseln im kapitalistischen Ozean, die nichts als Nischen sind, letztendlich unbedeutend.

Anschließend diskutiert Misik den Übergang zu einem möglichen neuen Kooperativsystem

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