Reichtum als moralisches Problem

Auszug aus der Einleitung des Buches

In einem ersten Kapitel führe ich in die Thematik ein und zeige, warum die Idee eines moralisch problematischen Reichtums einige Anfangsplausibilität besitzt. Die Übelegungen laufen auf eine spezifische Perspektive auf Gerechtigkeitsfragen hinaus, die ich als Grenztheorie der Gerechtigkeit bezeichne. Eine gerechte Gesellschaft ist eine Gesellschaft, die allen Menschen ein Leben in Würde und Selbstachtung ermöglicht. In solch einer gerechten Gesellschaft gibt es nicht nur nach unten, sondern auch nach oben hin eine klare Grenze für erlaubte sozialökonomische Ungleichheit.

Im zweiten Kapitel erfolgt eine gewisse Zuspirzung der Untersuchung, indem der Reichtumsbegriff auf Geldreichtum eingeschränkt wird. Diese Einschränkung wird gegenüber einer weiteren Perspektive verteidigt, die auf Güter, Werte oder Fähigkeiten abstellt. Doch wann ist ein Akteur eigentlich reich? Darauf werde ich antworten, dass individuelle Akteure dann reich sind, wenn sie deutlich mehr Geld haben, als sie für ein Leben in Selbstachtung brauchen. Korporative Akteure sind dann reich, wenn sie deutlich mehr Geld haben, als sie brauchen, um ihren Beitrag zur Selbstachtung der Menschen beizutragen. Das gilt beispielsweise für solche Unternehmen wie Apple mit seinen Geldreserven von über 250 Milliarden Dollar.

Das dritte Kapitel führt diese Überlegungen weiter, indem es zunächst darstellt, wie sich Geldreichtum messbar machen lässt. Solch ein philosophisch gehaltvoller und sozialwissenschaftlich operabler Begriff von Reichtum eignet sich zudem, um den Zusammenhang von Reichtum und Macht sowie Reichtum und Status zu erhellen. Niemand bestreitet, dass solche Zusammenhänge bestehen. Es kommt jedoch darauf an, sie so zu beschreiben, dass die moralisch problematische Seite von Reichtum deutlich sichtbar wird. Das geschieht im dritten Kapitel auf der Grundlage des erarbeiteten Reichtumsbegriffs.

Im vierten Kapitel geht es dann um die Frage, welche Art von Kritik an Geldreichtum geübt werden sollte. Eine ethisch-ästhetische Kritik an Reichtum stellt darauf ab, dass Geldreichtum für das gute Leben der Reichen selbst zu einem Problem wird. Solch eine Kritik ist zwar häufig angemessen, aber sie eignet sich nicht für eine universelle gerechtigkeitstheoretische Perspektive. Ich komme daher auf den bereits verwendeten normativen Maßstab der Selbstachtung zurück und argumentiere, dass er nicht nur anzeigt, wann jemand reich ist. Er eignet sich auch, um anzugeben, wann jemand zu reich ist. Das ist nämlich genau dann der Fall, wenn dieser Reichtum auf systematische Weise mit der Selbstachtung anderer Menschen in einen Konflikt gerät. Dabei entsteht allerdings auch das Problem, dass für reiche Menschen ihr Reichtum selbst ein wesentlicher Bestandteil ihrer Selbstachtung sein kann. Ich werde argumentieren, dass sie dennoch keinen unbedingten Anspruch auf ihren Reichtum haben.

Im fünften und sechsten Kapitel diskutiere ich einige Bereiche, in denen sich deutlich zeigt, wie Geldreichtum für ein Zusammenlebenin Würde zu einem Problem wird. Im fünften Kapitel geht es um Reichtumsprobleme in wohlhabenden Gesellschaften wie Deutschland, Österreich und der Schweiz. Diskutiert werden relative Armut, Arbeitslosigkeit und unanständige Arbeit sowie die demokratische Verfasstheit dieser Gesellschaften. In all diesen Bereichen verhindert Reichtum eine an der Selbstachtung aller Menschen orientierte Lösung von gravierenden Problemen. Im sechsten Kapitel wechsle ich dann auf die globale Ebene und argumentiere, dass der Reichtum auch hier effektive Lösungen so gravierender Probleme wie absolute Armut, Klimawandel und globale Wirtschaftskrisen verhindert.

Diese Einsichten laufen darauf hinaus, dass Reichtum in seiner moralisch problematischen Form eigentlich verboten werden sollte. Im siebten Kapitel werden drei grundsätzliche Einwände gegen solch eine doch ziemlich starke These diskutiert und entkräftet. Der erste Einwand besagt, dass es ein absolutes Eigentumsrecht gibt, das auch würdeverletzende Formen des Reichtums schützt. Ich werde argumentieren, dass sich so starke Eigentumsrechte nicht begründen lassen. Der zweite Einwand lautet, dass zumindest einige Reiche ihren Reichtum verdient haben. Hier werde ich auf die problematische Struktur und begrenzte Reichweite der Verdienstidee hinweisen. Der dritte Einwand stellt auf die wichtige Funktion von Reichtum für eine stabile und florierende Wirtschaft ab. In dieser grundlegenden Form weise ich diesen Einwand zurück, denn Wirtschaftssysteme können auch ohne Reichtum sehr gut funktionieren. Allerdings hat dieser Einwand unter den gegebenen Bedingungen durchaus einige Berechtigung: So wie unser Wirtschaftssystem tatsächlich funktioniert, könnte es auf Geldreichtum angewiesen sein.

Diesem Problem wende ich mich im achten und letzten Kapitel zu. Zuerst zeige ich, dass jede Reform die legitimen Interessen aller Akteure, auch der Reichen, angemessen berücksichtigen muss, was kleinschrittige Reformen erfordert. Wie sich dann zeigen wird, sind solche schrittweisen Reformen auch geeignet, um stabile und funktionale Marktwirtschaften aufzubauen, die ohne Reichtum auskommen. Dafür bedarf es lediglich eines schrittweise und langfristig aufzubauenden Steuersystems (sowie einiger weiterer flankierender Strukturmaßnahmen), das Reichtum unmöglich macht.

Abschließend wende ich mich der kritischen Frage zu, ob solch eine Politik derzeit eine Aussicht auf Erfolg besitzt, und komme zu dem skeptischen Urteil, dass dies - wenn überhaupt - nur auf europäischer Ebene gelingen kann. Dafür müsste sich allerdings eine tief in der Bevölkerung verwurzelte europäische Zivilgesellschaft herausbilden, die sich für ein Zusammenleben in Würde aller in Europa lebender Menschen einsetzt. Unmöglich ist das nicht, aber die Hoffnung darauf bedarf doch einer ziemlich optimistischen Haltung.

Reichtum_amP

  

Einleitung


Kapitel 1:
Reichtum, Gerechtigkeit und Anständigkeit

Reichtumsprobleme
Reichtum, Verteilung und Ungerechtigkeit
Würde, Selbstachtung und eine Grenztheorie der Gerechtigkeit

Kapitel 2:
Geld, reiche Akteure und Selbstachtung

Güter, Werte, Fähigkeiten und Geld
Handlungsfähigkeit und Reichtum
Selbstachtung und Reichtum

Kapitel 3:
Reichtumsmaßstäbe, Macht und Status

Selbstachtung und Reichtumsmaßstäbe
Macht und Geld
Status und Geld

Kapitel 4:
Reichtum und Kritik

Ästhetisch-ethische Reichtumskritik
Reichtum, Selbstachtung und Würde
Geld, Integrität und Lebensglück

 Kapitel 5:
Reichtum als Problem anständiger
Gesellschaften

Relative Armut
Arbeitslosigkeit und unanständige Arbeit
Postdemokratie

Kapitel 6:
Reichtum als Problem für eine anständige Welt

Absolute Armut
Klimawandel
Fragilität der Märkte

Kapitel 7:
Zur Verteidigung des Reichtums

Reichtum und Eigentum
Reichtum und Verdienst
Reichtum als Wirtschaftsmotor

Kapitel 8:
Die Überwindung schädlichen Reichtums

Legitime Interessen und politische
Reformmacht
Steuer- und Wirtschaftsreformen zur Abschaffung des Reichtums
Die Wohlstandsgesellschaft als realistische Utopie

 Literaturverzeichnis